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Fragetechniken im Vertrieb: Fünf Fragearten, die B2B-Gespräche tiefer machen

Von Marcel Pfenning

Kreisförmige Wellen, die sich von einem Punkt auf stillem Wasser ausbreiten

Gute Fragetechniken im Vertrieb ersetzen Erklären durch Erkennen. Fünf Fragearten tragen den größten Teil der Arbeit: zirkuläre Fragen, hypothetische Fragen, Skalierungsfragen, Auswirkungsfragen und Dealbreaker-Fragen. Der wichtigste Grund dafür: Kunden kennen ihr Problem oft und handeln trotzdem nicht. Erst wenn sie die Folgen selbst aussprechen, entsteht Handlungsdruck. Das schafft keine Präsentation, das schaffen Fragen.

Eine der häufigsten Fragen in Verkaufsgesprächen lautet: „Wo drückt der Schuh?“ Genau diese Frage ist das Problem. Sie ist abgenutzt, sie steckt dich sofort in die Verkäuferschublade, und sie liefert Antworten, die dir nichts verraten.

Warum ist Erklären schwächer als Fragen?

Viele Verkäufer erklären zu viel. Sie beantworten Fragen, die niemand gestellt hat, und zeigen Funktionen, die niemand braucht. Das fühlt sich kompetent an. Für den Kunden ist es anstrengend.

Ein Satz aus einem Sparring mit einem Vertriebsteam hat sich bei mir festgesetzt: Ersetze Sagetechniken durch Fragetechniken. Wer fragt, gibt dem Kunden Raum. Er erhöht dessen Redeanteil. Und er bekommt Formulierungen, an die er später im Angebot andocken kann.

Dazu kommt ein Befund aus der Forschung. Karen Huang, Alison Wood Brooks und Kollegen haben 2017 in mehreren Studien untersucht, wie Fragen auf Gesprächspartner wirken. Menschen, die mehr Fragen stellten, wurden sympathischer wahrgenommen. Der Effekt hing vor allem an einer Sorte: Folgefragen, die auf das aufbauen, was das Gegenüber gerade gesagt hat. Sie signalisieren, dass jemand zuhört. Bemerkenswert: Die Teilnehmenden selbst erwarteten diesen Effekt nicht.

Für den Vertrieb heißt das: Nicht die Menge der Fragen zählt, sondern ob sie an die Antwort anschließen. Ein abgearbeiteter Fragenkatalog wirkt wie ein Formular.

Zirkuläre Fragen: Die dritte Perspektive

Zirkuläre Fragen kommen aus der systemischen Beratung. Sie lassen dein Gegenüber aus der Sicht einer anderen Person antworten.

„Sie kennen Ihre Geschäftsführung besser als ich. Worauf würde sie bei diesem Thema besonders achten?“

„Wenn Ihre Controllerin jetzt mit am Tisch säße: Worauf würde sie bei einem neuen System den Fokus legen?“

Warum das wirkt: Über andere sagen Menschen oft Dinge, die sie über sich selbst nicht sagen würden. Bedenken, interne Widerstände, die eigentlichen Entscheidungskriterien. Zirkuläre Fragen holen außerdem das Buying Center ins Gespräch, ohne dass du direkt fragen musst: „Wer entscheidet hier eigentlich?“

Eine Beobachtung aus der Praxis: Auf die erste zirkuläre Frage kommt manchmal „Da kann ich nicht für ihn sprechen.“ Das ist normal. Die Frage wirkt trotzdem, weil sie dein Gegenüber zum Nachdenken bringt. Bleib ruhig und geh weiter.

Was leisten hypothetische Fragen?

Hypothetische Fragen öffnen einen Raum, in dem ein Hindernis vorübergehend nicht existiert.

„Mal angenommen, das Budget wäre kein Thema: Was wäre dann Ihr nächster Schritt?“

„Angenommen, Sie hätten alle Kennzahlen in Echtzeit: Was würde sich für Sie verändern?“

Sie eignen sich besonders, um vorgeschobene Einwände von echten zu trennen. Wenn das Budget gedanklich weg ist und trotzdem kein Interesse entsteht, lag es nicht am Budget. Mehr dazu im Artikel Einwand „Kein Budget“.

Zwei Hinweise zum Timing. Erstens: In der Kaltakquise ist die hypothetische Frage kein guter erster Satz. Sie wirkt erst, wenn schon ein echtes Gespräch entstanden ist, also eher im letzten Drittel. Zweitens: Stell sie nicht zu früh als Lösungsfrage. „Mal angenommen, ich könnte Ihnen zeigen …“ direkt nach der Problemschilderung ist ein Pitch im Fragegewand. Erst kommt die Auswirkung, dann die Hypothese.

Skalierungsfragen: Einschätzungen messbar machen

Skalierungsfragen machen ein vages Gefühl zu einer Zahl, mit der du weiterarbeiten kannst.

„Auf einer Skala von 1 bis 10: Wie zufrieden sind Sie mit Ihrer aktuellen Lösung?“

Der eigentliche Wert liegt in der Anschlussfrage. Es gibt drei Richtungen:

AnschlussfrageWas du erfährst
„Was fehlt zur 8?“Was nicht funktioniert, der Ansatzpunkt für deine Lösung
„Warum keine 5?“Was gut läuft und dem Kunden wichtig ist, also was du nicht gefährden darfst
„Wie kommen Sie auf die 7?“Nach welchen Kriterien der Kunde bewertet

Die Frage nach unten wird fast nie gestellt und ist oft die aufschlussreichste. Sie sichert dir außerdem das Wohlwollen des Kunden, weil er über seine eigene gute Arbeit sprechen darf.

Eine Einschränkung, die ein Vertriebsteam im Sparring zu Recht eingebracht hat: Hohe Werte, etwa eine 8, bedeuten oft „Ich bin zufrieden, lass mich in Ruhe“. Die Skala ist dann kein Türöffner. Auf einer Messe dagegen war schon eine 6 eine gute Antwort: „Da ist ja noch Potenzial. Dann macht es wirklich Sinn, dass wir uns unterhalten.“

Auswirkungsfragen: Wo Handlungsdruck entsteht

Die stärkste und am häufigsten übersprungene Frageart. Kunden kennen ihre Probleme oft. Sie handeln trotzdem nicht, weil sie die Folgen nicht durchdacht oder nicht gespürt haben.

„Was bedeutet das konkret für Ihr Team, wenn das so bleibt?“

„Wie hat sich das für Ihre Mitarbeiter ausgewirkt, dass es zwei Ausfälle gab?“

„Was passiert, wenn sich in den nächsten zwölf Monaten daran nichts ändert?“

Neil Rackham hat in „SPIN Selling“ (1988) beschrieben, dass erfolgreiche Verkäufer in großen Deals deutlich mehr solcher Implikationsfragen stellen. Mein Eindruck aus Call-Analysen: Die meisten Verkäufer erkennen den Schmerz, springen dann aber sofort zur Lösung. Sie nehmen dem Kunden damit die Chance, die Dringlichkeit selbst zu formulieren. Und was der Kunde selbst sagt, glaubt er mehr als das, was du sagst.

Eine Übung, die ich Teams gebe: Formuliere je eine Auswirkungsfrage auf das häufigste Kundenproblem und auf die häufigste Lösung, die du verkaufst. Beide schriftlich, beide laut geübt.

Die Dealbreaker-Frage: Nach dem Negativen fragen

Eine Frage, die viele Verkäufer überrascht, weil sie scheinbar das Falsche anspricht:

„Was wären mögliche Dealbreaker, weswegen Sie sagen würden: So ein Gespräch brauchen wir garantiert nicht?“

Auf Wünsche antworten Menschen oft vage. Auf die Frage nach Ausschlussgründen antworten sie erfahrungsgemäß konkreter. Hier kommt häufig der eigentliche Schmerz auf den Tisch: „Wir haben schon zu viele Tools, jedes neue macht es komplizierter.“

Verwandt ist die Frage nach früheren Fehlschlägen:

„Woran ist eine ähnliche Maßnahme bei Ihnen schon einmal gescheitert?“

Sie bringt Hindernisse früh ans Licht, die sonst erst im Projekt auftauchen.

In welcher Reihenfolge solltest du fragen?

Für ein kurzes Gespräch, etwa auf einer Messe oder in einem Erstkontakt, hat sich in einem Training mit einem Vertriebsteam diese Reihenfolge bewährt:

  1. Zirkuläre Frage als leichter Einstieg
  2. Dealbreaker-Frage, um den Schmerz zu finden
  3. Auswirkungsfrage, um ihn spürbar zu machen
  4. Hypothetische Frage, um die Relevanz einer Lösung zu prüfen
  5. Skalierungsfrage als Übergang zum nächsten Schritt

Das ist kein Skript. Es ist eine Landkarte. Wenn dein Gegenüber an einer Stelle viel erzählt, bleibst du dort und stellst Folgefragen. Wie das im Erstgespräch aussieht, steht im Artikel Discovery Call. Wie du mit denselben Fragen Leads früh aussortierst, steht im Artikel Leads qualifizieren.

Fehlermuster

  • Fragen abarbeiten statt zuhören. Die beste Frage ist oft eine Folgefrage auf das, was gerade gesagt wurde.
  • Abgenutzte Fragen. „Wo drückt der Schuh?“ steckt dich in die Verkäuferschublade.
  • Auswirkungsfragen überspringen. Problem erkannt, sofort Lösung präsentiert.
  • Nur nach oben skalieren. Die Frage „Warum keine 5?“ liefert oft mehr.
  • Hypothetische Fragen als versteckten Pitch nutzen. „Mal angenommen, ich könnte Ihnen zeigen …“ ist keine Frage.
  • Mit einem Aussagesatz enden. Ein Gespräch, das auf einem Punkt endet, endet. Eines, das auf einem Fragezeichen endet, geht weiter.

FAQ

Welche Fragetechniken sind im Vertrieb am wirkungsvollsten? Im B2B-Vertrieb haben sich fünf Fragearten bewährt: zirkuläre Fragen, die eine dritte Perspektive einholen, hypothetische Fragen, die Blockaden gedanklich aufheben, Skalierungsfragen, die Einschätzungen messbar machen, Auswirkungsfragen, die Konsequenzen spürbar machen, und Dealbreaker-Fragen, die nach Gründen gegen eine Zusammenarbeit fragen. Am stärksten unterschätzt werden Auswirkungsfragen.

Was ist eine zirkuläre Frage im Verkaufsgespräch? Eine zirkuläre Frage lässt dein Gegenüber aus der Sicht einer dritten Person antworten, etwa: Was würde Ihre Geschäftsführung dazu sagen? Die Methode stammt aus der systemischen Beratung. Im Vertrieb liefert sie Informationen über Entscheider, interne Widerstände und Kriterien, die der Gesprächspartner direkt nicht aussprechen würde.

Warum sollte man bei Skalierungsfragen auch nach unten fragen? Wer bei einer 7 nur fragt, was zur 10 fehlt, bekommt eine Mängelliste. Wer fragt, warum es keine 5 ist, erfährt, was gut läuft und dem Kunden wichtig ist. Beides zusammen ergibt ein vollständiges Bild und zeigt, woran du anknüpfen kannst.

Machen viele Fragen das Gespräch nicht zum Verhör? Nicht, wenn die Fragen an das anknüpfen, was dein Gegenüber gerade gesagt hat. Eine Studie von Huang und Kollegen (2017) zeigt, dass vor allem Folgefragen, die auf die Antwort des Gegenübers aufbauen, die Sympathie erhöhen. Ein starrer Fragenkatalog wirkt dagegen wie eine Checkliste.

In welcher Reihenfolge stellt man Fragen im Erstgespräch? Eine bewährte Reihenfolge ist: erst eine leichte, offene oder zirkuläre Frage zum Einstieg, dann eine Frage nach dem Problem oder nach Dealbreakern, danach die Auswirkungsfrage, dann eine hypothetische Frage zur Lösung und am Ende eine Skalierungsfrage, die den Übergang zum nächsten Schritt schafft.

Quellen

  • Huang, K., Yeomans, M., Brooks, A. W., Minson, J., & Gino, F. (2017). It doesn't hurt to ask: Question-asking increases liking. Journal of Personality and Social Psychology, 113(3), 430–452. https://doi.org/10.1037/pspi0000097
  • Rackham, N. (1988). SPIN Selling. New York: McGraw-Hill.

Über den Autor: Marcel Pfenning ist Sales-Trainer, Coach und Unternehmer in Wien. Er trainiert Vertriebsteams in Rollenspielen und anhand echter Gesprächsaufnahmen, bis neue Fragen im Alltag sitzen.

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