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Erfolgreich verhandeln: So führst du Preisverhandlungen im B2B-Vertrieb

Von Marcel Pfenning

Gespanntes Seil mit festem Knoten zwischen zwei Holzpfosten

Erfolgreich verhandeln heißt im Vertrieb: Du hältst deinen Preis, und dein Gegenüber geht trotzdem mit dem Gefühl aus dem Gespräch, etwas erreicht zu haben. Dafür brauchst du keinen Trick, sondern eine Reihenfolge. Vorbereitung, eine eigene Gesprächseröffnung, ein Nein, das die Beziehung nicht beschädigt, eine Frage, die Bluffs sichtbar macht, und vorbereitete Alternativen, falls sich doch etwas bewegen muss.

Diesen Fahrplan habe ich in den letzten Jahren mit Vertriebsteams aus sehr unterschiedlichen Branchen erarbeitet. Mit Account Managern eines IT-Beratungshauses, mit Key Accountern eines internationalen Rohstofflieferanten, mit knapp hundert Leuten aus Vertrieb, Recruiting und Berater-Betreuung einer IT- und Engineering-Beratung. Die Branchen unterscheiden sich. Die Fehler unter Preisdruck sind fast identisch.

Verhandeln passiert in zehn Prozent der Zeit und entscheidet über die restlichen neunzig

Ich frage in Trainings gern, wo auf der Linie vom Erstkontakt bis zur Unterschrift das Verhandeln liegt. Die Antwort kommt schnell: am Ende. Dann frage ich, wer schon einmal ein Buch über Verhandeln gelesen hat. Meistens hebt einer die Hand. Manchmal keiner.

Das ist das Grundproblem. Vertriebsteams trainieren Kundenansprache, Bedarfsanalyse, Präsentation, Nutzenargumentation. Die letzten zehn Prozent des Prozesses, in denen sich entscheidet, ob sich die vorherigen neunzig gelohnt haben, überlassen sie dem Zufall.

Wie teuer dieser Zufall ist, hat eine klassische Auswertung im Harvard Business Review gezeigt. Michael Marn und Robert Rosiello haben 1992 die Kostenstrukturen von 2.463 Unternehmen analysiert. Ein Prozent mehr Preis bringt bei gleichem Volumen im Schnitt 11,1 Prozent mehr operativen Gewinn. Ein Prozent mehr Volumen bringt nur 3,3 Prozent. Die Zahlen sind über dreißig Jahre alt, deine Marge ist eine andere. Rechne nach. Der Hebel ist fast immer größer, als dein Team glaubt.

Und der Druck steigt. In der Global Pricing Study 2025 von Simon-Kucher, einer Befragung von 2.253 Führungskräften in 28 Ländern, spüren 64 Prozent der Unternehmen höheren Preisdruck. Von geplanten Preiserhöhungen kommt im Schnitt nur 43 Prozent beim Kunden an.

Es geht nie um den Preis, es geht um das Gefühl

Ein Teilnehmer hat mir einmal von einem Urlaub erzählt. Basar, seine Frau findet etwas, der Händler sagt 100. Er sagt: Maximal 50. Der Händler schlägt sofort ein.

Wie fühlt sich das an? Er hat gerade die Hälfte gespart. Und trotzdem ärgert er sich, denn ganz offensichtlich wäre mehr drin gewesen.

Das ist kein Urlaubsphänomen. Adam Galinsky und Kollegen haben 2002 untersucht, was passiert, wenn das erste Angebot sofort angenommen wird. Diese Verhandler dachten anschließend stärker darüber nach, wie sie hätten besser abschneiden können, und waren mit dem Ergebnis unzufriedener. Und zwar auch dann, wenn ihr objektives Ergebnis gleich gut oder besser war als das der anderen.

Übertragen auf dein Preisgespräch heißt das: Wenn deine Kunden Nachlässe fordern und du sie sofort gibst, sind sie nichts wert. Der Einkäufer bekommt kein Erfolgserlebnis, sondern lernt etwas über dich.

Ein Teilnehmer, der früher im Einkauf eines öffentlichen Unternehmens saß, hat das sehr plastisch beschrieben. Eine Maschineninvestition startete bei 3,7 Millionen und endete bei 2 Millionen. Ab diesem Tag war intern klar: Bei diesem Anbieter geht immer viel. Jede Folgeinvestition wurde genauso heruntergehandelt. Ein einziges zu großes Zugeständnis hatte den Preis für alle kommenden Geschäfte gesetzt.

Jede Verhandlung ist auch die Vorbereitung der nächsten. Deshalb dürfen Verhandlungen für dein Gegenüber unbequem sein. Wer etwas zu leicht bekommt, probiert es beim nächsten Mal härter.

Der Fahrplan: sechs Bausteine für erfolgreiche Preisverhandlungen

Am Ende eines vierwöchigen Verhandlungsmoduls hat ein Teilnehmer gesagt, jetzt habe er endlich die Weltkarte gesehen. Das Bild passt. Die folgenden Bausteine sind die Kontinente. Die Reiseroute legst du für jedes Gespräch selbst fest. Bei einem 20-Minuten-Termin mit dem Einkauf wirst du nicht alle Stationen durchlaufen. Bei einer halbtägigen Jahresverhandlung lohnt sich die komplette Vorbereitung.

1. Vorbereitung: Die Entscheidung fällt vor dem Termin

Rote Linie festlegen, den Preis am Vortag intern bestätigen lassen, drei Varianten des Neins laut üben, Alternativpakete rechnen. Wer das nicht getan hat, muss unter Druck entscheiden, und unter Druck entscheidet niemand gut. Wie das konkret aussieht, steht im Artikel zur Verhandlungsvorbereitung.

2. Die Startrampe: Wer eröffnet, setzt die Spielregeln

Im Vertriebsgespräch ist es gut, wenn der Kunde am Anfang viel erzählt. In der Verhandlung ist es ein Nachteil. Wer eröffnet, definiert Denkraum, Spielregeln und Ton. Professionelle Einkäufer wissen das und lernen ihre Eröffnung auswendig. Wie du deine eigene baust, beschreibt der Artikel zu Verhandlungsstrategien im Verkauf.

3. Den Preis nennen, ohne ihn selbst zu entwerten

Die meisten Preise gehen nicht in der Verhandlung verloren, sondern im Satz nach der Preisnennung. „950 Euro Tagessatz, wobei man da natürlich noch schauen kann.“ Damit ist die Verhandlung eröffnet, bevor der Kunde überhaupt etwas gesagt hat. Mehr dazu im Artikel zum Einwand „zu teuer“.

4. Die Nein-Kaskade: Nein sagen, ohne die Beziehung zu beschädigen

Verbindendes betonen, klar in der Sache Nein sagen, mit einer Frage weiterführen. Und nach dem zweiten Nein die Mauer-Testfrage: „Angenommen, wir können am Preis nichts machen: Lassen Sie die Verhandlungen daran scheitern?“ Wie die Kaskade im Detail funktioniert, steht im Artikel Rabattforderung abwehren.

5. Relativ vor absolut: keine eigene Zahl zu früh

Wenn sich etwas bewegen muss, nennst du nicht als Erster eine Zahl. Du lässt den Einkäufer seine Forderung selbst nach unten korrigieren. In einer Simulation ist die Forderung so von 10 auf 8 und dann auf 7,2 Prozent gewandert, ohne dass die Verkäuferseite eine einzige eigene Zahl genannt hat.

6. MESO-Pakete: Aus einer Dimension werden drei

Wer nur ein Angebot auf dem Tisch hat, kann sich nur noch beim Preis bewegen. Wer drei vorbereitete, für sich gleichwertige Pakete hat, lässt den Kunden wählen, aber innerhalb des eigenen Lösungsraums. Beide Themen behandelt der Artikel Zugeständnisse richtig machen.

Ein Fall aus der Praxis: zum ersten Mal überhaupt eine Preiserhöhung

Gemeinsam mit einem Co-Trainer habe ich knapp hundert Leute einer internationalen IT- und Engineering-Beratung im digitalen Sparring begleitet. Das Ziel war ambitioniert: eine Preisanpassung von rund vier Prozent in den Jahresgesprächen durchsetzen und die Kundenbeziehung dabei stärken, nicht beschädigen.

Ein Teamlead hat das Problem seines Teams später in drei Sätzen beschrieben:

„Wir gehen zu schnell in die Problemlösung. Wir fragen zu wenig aus Kundenperspektive. Wir lassen uns zu sehr leiten, anstatt die Führung zu übernehmen.“

Drei Sätze, drei Verhaltensmuster. Keines davon ist ein Wissensproblem. Das Ergebnis: Das Unternehmen hat zum ersten Mal überhaupt die Preise angehoben, im marktüblichen einstelligen Bereich. Der Managing Director sagte dazu, das sei vorher nicht ihre Unternehmensphilosophie gewesen, obwohl der Markt es längst tue. Wie wir die Jahresgespräche aufgebaut haben, steht im Artikel Preiserhöhung durchsetzen.

Ein Nein ist ein vollwertiges Verhandlungsergebnis

Ein Satz hat in fast jeder Gruppe am meisten nachgewirkt: Wir müssen nicht jedes Gespräch mit einer Einigung verlassen.

Im operativen Alltag sind Vertriebler darauf trainiert, immer eine Lösung mitzunehmen. Genau das macht sie im Preisgespräch weich. Ein Nein auf Augenhöhe, bei dem niemand das Gesicht verliert und das Thema zwei Tage später wieder aufgenommen werden kann, ist kein Scheitern. Oft ist es die einzige Möglichkeit, echtes Marktfeedback zu bekommen. Wer dreimal sauber Nein gesagt hat, trennt die Spreu vom Weizen. So viele Einkäufer ziehen das nicht durch.

Ob du ein Nein so gelassen hinnehmen kannst, ist weniger eine Frage der Technik als der Haltung. Warum das so ist und wie du daran arbeitest, beschreibt der Artikel Verhandlungsmindset.

Die fünf häufigsten Fehler, die ich in Rollenspielen sehe

  • Weichmacher. „Preislich werden wir uns nicht mehr groß bewegen können.“ „Aktuell“, „würde“, „eigentlich“, „wahrscheinlich“. Jedes dieser Wörter ist eine offene Tür, und ein geschulter Einkäufer geht durch.
  • Die Zahl des Gegenübers wiederholen. „Also 12 Prozent, hm.“ Wer die Zahl ausspricht, macht sie größer.
  • Mit der eigenen Marge argumentieren. Den Kunden interessiert sie nicht. „Wir müssen“ erzeugt Widerstand, kein Verständnis.
  • Zugaben, bevor der Kunde etwas dafür getan hat. Wer von sich aus bessere Zahlungsziele und Extras auf den Tisch legt, bekommt alles als selbstverständlich zurück und die Preisdiskussion obendrauf.
  • „Das muss ich intern klären.“ Damit vertagst du das Problem und entwertest dein eigenes Wort, in dieser und in allen folgenden Verhandlungen.

Warum diese Fehler gerade erfahrenen Verkäufern passieren, obwohl sie es besser wissen, hat mit Stress zu tun und weniger mit Wissen. Das beschreibt der Artikel Druck in Verhandlungen. Und wie du ein Team dahin bringst, dass es die Bausteine auch unter Druck abruft, steht im Artikel Verhandlungstraining.

FAQ

Was bedeutet erfolgreich verhandeln im Vertrieb? Einen Preis durchzusetzen, der zum Wert der Leistung passt, und das Gegenüber trotzdem mit dem Gefühl zu entlassen, etwas erreicht zu haben. Ein Abschluss um jeden Preis ist kein Verhandlungserfolg.

Warum sind sofort gewährte Rabatte schädlich? Weil sie für den Kunden nichts wert sind. Studien zeigen, dass Verhandler, deren erstes Angebot sofort angenommen wird, unzufriedener sind als andere, selbst bei objektiv besserem Ergebnis. Dazu lernt der Kunde: Bei diesem Anbieter geht immer etwas.

Wie viel bringt ein Prozent mehr Preis? In der klassischen Auswertung von Marn und Rosiello über 2.463 Unternehmen im Schnitt 11,1 Prozent mehr operativen Gewinn bei gleichem Volumen. Rechne mit deinen eigenen Margen nach.

Ist ein Nein ein Verhandlungsergebnis? Ja. Ein Nein auf Augenhöhe, bei dem niemand das Gesicht verliert, ist ein vollwertiges Ergebnis. Das Gespräch endet nicht auf dem Nein, sondern mit einer Anschlussfrage.

Quellen


Über den Autor: Marcel Pfenning ist Sales-Trainer, Coach und Unternehmer in Wien. Seit über 11,5 Jahren trainiert er Vertriebsteams, in mehr als 1.357 Trainingstagen mit über 15.749 Teilnehmenden aus mehr als 200 Unternehmen. Er ist TEDx-Speaker, Co-Autor von „Circular Sales“ und Entwickler der Methodik Mentor Selling™.

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